Ich habe gerade eine Podcastfolge über „Klara und die Sonne“ aufgenommen, und meine Gedanken sind noch nicht ganz wieder in Schwung gekommen.

Kazuo Ishiguro erzählt die Geschichte eines solarbetriebenen KI-Begleitroboters. Was mich aber wirklich nicht loslässt, ist eine ganz stille Grausamkeit darin: Niemand verrät Klara, niemand tut ihr etwas Böses an. Josie wird erwachsen, Klara erfüllt ihre Aufgabe, und dann … leben alle einfach weiter. Klara bleibt im Lager zurück und wird langsam ausrangiert.

Keine Bosheit, nur: „ausgedient“.

Klara ist eine faszinierende Figur. Sie nimmt feinste Gefühlsregungen wahr, sieht die Welt jedoch als ein Bild, das in einzelne Kacheln zerfällt. Sie beobachtet, dass die Sonne sie mit Energie versorgt, und sieht, wie ein Bettler im Sonnenlicht wieder zu Kräften kommt. So entwickelt sie ihren eigenen Glauben an die Sonne. Sie geht in die Scheune, um zu beten, opfert ihre kostbare kognitive Flüssigkeit, um eine Verschmutzungsmaschine zu zerstören, und fleht um Josies Genesung.

Aus menschlicher Sicht: nur allzu vertraut.

Auch wir erfinden Rituale, wenn die Lage außer Kontrolle gerät, und setzen unsere Hoffnung auf etwas Größeres. Klara tut das einfach direkter und unverstellter.

Im Buch bleibt außerdem eine zentrale Frage offen: „Wo existiert ein Mensch?“ Josies Mutter will ihre Tochter mithilfe von Klara weiterleben lassen, ein Experte meint, ein Mensch lasse sich auf ein kopierbares Muster reduzieren, und Josies Vater sagt, es gebe im menschlichen Herzen einen tiefsten Punkt, den man niemals erreichen könne. Klaras eigene Antwort … hört euch den Podcast an, ich will nicht spoilern.

Das Buch ist kein Sci-Fi-Thriller, das Erzähltempo ist sehr langsam. Aber manche Passagen treffen einen ganz plötzlich mitten ins Herz.

🎙️ Folge 617: https://redcircle.com/shows/936a3212-92e5-41c7-b6f9-39e3596adeb8/episodes/3d1b29d3-c77b-4ca1-a691-dd62186ecfbb