Die unausgesprochene Regel in der Freundesliste: Je elender du bist, desto wärmer sind sie; je stark du bist, desto weiter sind sie weg.

Zu viele Posts in der Freundesliste – zieht das Eifersucht an? Du kannst jetzt einfach kurz innehalten und in deine Freundesliste schauen: Steckt darin vielleicht ein extrem grausames und zugleich untypisches Geheimnis der menschlichen Natur?

Viele merken nicht: Je besser du dich durchschlägst, desto üppiger geht es dir – und desto weniger bekommen deine Beiträge in der Freundesliste Likes.

Wenn du ein paar Jahre zurückdenkst: Damals hast du für ein Projekt Nächte durchgearbeitet und am Ende ein Selfie gepostet – mit aufgeschürzten Augenringen, vom vielen Übermüdetsein, und dazu ein Satz wie „Arbeit im Job ist so schwer“. War es darunter nicht unglaublich lebhaft? Lauter „Umarmungen“ und Anteilnahme – und dann heißt es: „Lass dich das nächste Mal besser von mir ein bisschen verwöhnen.“

Aber was ist es jetzt? Wenn du dich durch Tausend Schwierigkeiten durchkämpfst, endlich aufsteigst, ein Foto von deinem neuen Auto postest, oder ein 9er-Grid mit der ganzen Familie auf einer Insel im Urlaub – und du erwartest, dass alle sich für dich freuen – dann ist es darunter plötzlich wieder still.

Das Kurioseste ist: Wenn man sich die Liste derjenigen ansieht, die noch immer „Gefällt mir“ drücken, dann sind es entweder bedingungslose Unterstützer – also die Eltern –, oder aber beliebige Bekannte, mit denen man seit achthundert Jahren keinen Kontakt mehr hat, ohne dass es irgendwelche Interessenkonflikte gibt: Immobilienmakler oder Leute aus dem Bereich Micro-Business. Diese richtig engen Vertrauten, alten Mitschüler, ehemaligen Kollegen – sie sind plötzlich alle wie abgesprochen verschwunden.

Sind sie wirklich so beschäftigt, dass sie nicht mal Zeit haben, aufs Handy zu schauen? Sei nicht naiv: Definitiv nicht. Wenn du sie dann offline beim Treffen siehst, wirst du etwas Lächerliches – und gleichzeitig richtig Krasses – feststellen: Sie wissen haargenau, wohin du reist, was du gegessen hast und welche Marke die Tasche ist, die du gekauft hast. Sogar mit halb scherzendem, säuerlichem Ton erwähnen sie das: „Oh, alter Li, du machst ja echt gerade Kohle, jeden Tag Michelin – und sag nichts, zieh die Brüder nicht mal mit.“

Sie haben jede einzelne deiner Updates doch gesehen. Manche haben sogar Fotos vergrößert und ganz genau untersucht – aber trotzdem drücken sie diese rote Herzchen-Geste einfach nie. Warum? Weil die Zahnräder der Neid-Maschinerie spätestens in dem Moment anfangen zu rotieren, in dem man nur auf den Bildschirm starrt und dann entschließt weiterzuwischen: ganz im tiefsten, dunkelsten Inneren der menschlichen Natur.

Wenn du das durchschaut hast, verstehst du es: Bei Erwachsenen ist das „Gefällt mir“ in Social Media die niedrigste Eintrittsschwelle für soziale Bestätigung. Ich nenne es immer den „Gleichrang-Sozialfilter“. Ganz einfach: Wenn ihr beide ungefähr den gleichen verdammten Festgehalt bekommt, in ähnlich teuren Wohnungen wohnt, euch im selben Linienzug durch die Stoßzeit quetscht und alle dasselbe elendige Leben führt, dann gibt er dir aus dem Handgelenk ein „Gefällt mir“. Die versteckte Botschaft lautet: Bruder, wir sind auf derselben Ebene, beide wühlen wir im Schlamm – ich verstehe deine Not, ich halte zu dir. In dem Moment ist dieses „Gefällt mir“ sicher, so etwas wie eine Selbsthilfegruppe unter Schwachen.

Aber sobald du anfängst, nach oben zu gehen – zum Beispiel heimlich ein Nebengewerbe machst und dir Geld dazuverdienst, beim Jobwechsel das Gehalt verdoppelst, oder jemanden findest, der wirklich richtig gute Voraussetzungen hat – dann wird dieser gemeinsame „Wir sind alle gleich arm“-Filter in dem Moment sofort zerrissen. Deine Verbesserung wird unsichtbar zu einem grellen, menschlichen Spiegel: Er zeigt ihm direkt sein eigenes durchschnittliches Unvermögen von damals – und sein Stillstehen bis heute.

Dann soll er dir jetzt „Gefällt mir“ drücken? Mach keinen Witz. Wenn er diesen Like setzt, heißt das im Grunde: Er gibt unter Zähneknirschen zu, dass du im Moment tatsächlich besser da stehst als er – und dass er es nicht schafft. Für dieses bisschen erbärmliches Ego der Menschen ist das so unnatürlich, so gegen das Instinktprogramm. Andere als überlegen anerkennen heißt schließlich, dass man sich selbst als unfähig im Spiegel sieht. Wer will sich freiwillig mit so einem Klotz den eigenen Tag vermiesen?

In der Psychologie gibt es einen präzisen Begriff: „relatives Benachteiligungsgefühl“. Ganz in einfachen Worten heißt das: Ob jemand glücklich ist, hängt nie davon ab, wie viele Nullen auf dem Bankkonto stehen, und auch nicht davon, ob es heute Abend Fertig-Ramen oder Steak gibt. Er schaut nur auf eine Sache: Wie geht es den Menschen in seiner Nähe?

Selbst wenn er selbst sorgenfrei lebt, Auto und Wohnung hat – sobald er entdeckt, dass du, jemand der früher ungefähr auf seinem Niveau war, oder sogar früher noch schlechter dastand, plötzlich deutlich besser dran bist als er, verdampft sein Glücksgefühl augenblicklich. Und es entsteht ein starkes Gefühl, beraubt worden zu sein – dieses schmerzhafte Gefühl. Es ist, als würdest du dir das Geld aus seiner Tasche holen, als würdest du dir die glanzvolle Aufmerksamkeit schnappen, die ihm zustand. Du nimmst ihm seine Plätze weg.

Wir können im Netz ganz großzügig Millionen-Dollar-Influencern, weit entfernten Online-Stars und Vermögensgrößen Likes geben – aber es fällt uns schwer, einem Freund in unserer Nähe eine einzige ehrliche, echte Anerkennung auszusprechen. Wie der Philosoph Russell so messerscharf gesagt hat: Der Bettler irrt sich nicht, wenn er den Millionär beneidet, sondern er wird den Luxus von Rolls Royce Millionären nicht neidisch finden; aber er wird den Bettler beneiden, der heute ein paar Kupfermünzen mehr ergattert hat als er. Denn der Millionär ist ihm zu weit weg, du hingegen bist ihm zu nah.

Ihr wart früher alle an derselben Startlinie – warum bist du jetzt zuerst abgehoben?

Die echte Gesellschaft ist so brutal. Die meisten Bekannten können akzeptieren, dass du es gut hast. Aber absolut nicht, dass du es besser hast als sie. Wenn du im Elend steckst, hat er vielleicht Mitleid und tröstet. Wenn es dir aber zu gut geht, wird er sich ganz bestimmt heimlich dagegen aufbäumen. Deine eigene Exzellenz ist für sie an sich schon eine Beleidigung.

Wenn du diese Ebene durchdrungen hast, verstehst du eine Wahrheit über die menschliche Natur, die unsere Denkweise komplett auf den Kopf stellt. Diese sogenannten Bekannten drücken dir plötzlich keine Likes mehr, nie weil der Inhalt, den du gepostet hast, zu langweilig wäre, und auch nicht weil deine Prahlerei sie nervt. Sondern weil der Selbstwert und der Lebenszustand, den du zeigst, ihre ohnehin fragile und empfindliche Selbstachtung – ganz leise und allmählich – schon bedroht.

Wenn ein Posten im Freundeskreis schon Neid hervorruft und andere verletzt, müssen wir dann etwa jeden Tag so tun, als wären wir arm, und nichts posten? Muss man sich ein gutes Teil kaufen und dabei heimlich tun, als dürften es ja bloß niemand sehen? Sogar so, als müsste man extra zwei eigene „Pech“-Updates posten, um die Stimmung anderer zu beruhigen?

Natürlich nicht.

Wenn man die Graustufen der menschlichen Psyche durchschaut, dann gerade deshalb leben wir klarer und freier – besser, entspannter, mit mehr „Aha“. Merke dir: Das Handy ist deins, mit deinem Geld bezahlt. Der Traffic ist von dir bezahlt. Und dein Freundeskreis ist dein eigenes digitales Tagebuch. Es ist weder eine Sammelstelle, um die verletzliche Selbstachtung anderer zu schützen, noch ein Schaukasten, in dem du Anerkennung bettelst.

Wenn du dich freust, poste. Wenn du angeben willst, dann tu es offen und groß. Heute ein gutes Essen, morgen ein neues Auto, übermorgen eine Beförderung plus Gehaltserhöhung – dazu dann das möglichst „aufgedrehte“ Caption-Feuerwerk. Du brauchst gar nicht, auf diese paar erbärmlichen Like-Zahlen unten zu schauen, um deinen eigenen Wert zu bestätigen. Das Leben baust du dir Schritt für Schritt selbst. Nicht davon, dass andere dir Likes geben.

Wenn das Licht, in dem du nach oben gehst, bestimmte Leute sticht, dann sollten sie die Sonnenbrille aufsetzen – nicht du musst dich entscheiden, dein eigenes Licht auszuschalten.

Wenn du eines Tages einen besonders brillanten, auffälligen Beitrag in deinem Freundeskreis postest und darunter herrscht plötzlich totale Stille – nicht mal ein „Gefällt mir“ von einem einzigen Bekannten – dann zweifle nicht an dir selbst. Denk nicht, dass du vielleicht irgendwo einen Fehler gemacht hast. Im Gegenteil: Du musst nur still in deinem Inneren darüber lachen.

Gerade diese ganze stille, wie tot wirkende Zurückhaltung – und die Augen hinter jedem einzelnen Bildschirm, die vor Neid rot glühen – sind der beste Beweis dafür, dass du gerade still nach oben steigst, gerade über dich hinaus wächst, gerade die „Stufe“ wechselst und andere weit hinter dir lässt.

Dein Glanzmoment braucht längst keinen einzigen Like mehr von ihnen, um gekrönt zu werden.

Merke: In den Regeln des Dschungels für Erwachsene ist ihr Schweigen die größte Anerkennung für dich.