Als ich das letzte Mal den XP-Artikel geschrieben habe, hatte ich eine Frage, die mich nie losgelassen hat: Wie genau nimmt ein institutioneller Stablecoin wie USDPX nach seiner Ausgabe eigentlich an einer echten grenzüberschreitenden Abwicklung teil? Dieser Beitrag soll diese Lücke schließen und mir nebenbei auch geholfen, zum ersten Mal einen Begriff zu verstehen: „Stablecoin-Dreischichtung“.
Erst mal diesen Begriff erklären: Er ist eigentlich sehr anschaulich. Eine grenzüberschreitende Zahlung: An beiden Enden gibt es die jeweilige Landeswährung, in der Mitte befindet sich eine Schicht aus sogenannten öffentlich gehandelten Stablecoins. Der Absender tauscht seine Landeswährung in einen USD-Stablecoin, der Stablecoin erledigt dann die grenzüberschreitende Abwicklung direkt auf der Blockchain, und der Empfänger tauscht ihn anschließend wieder in seine eigene Landeswährung um. Sieht das nicht aus wie zwei Scheiben Brot mit dieser Schicht dazwischen? So wird diese Formulierung in der Branche verwendet, um die grenzüberschreitende Abwicklung von Stablecoins zu beschreiben.
Wirklich spannend ist nicht dieses Bild, sondern der Intermediär in der Zwischenschicht – der wird mit der Zeit nach und nach Schicht für Schicht abgetragen. Rayls’ Blog zerlegt diese Entwicklung in vier Phasen, und ich finde, das ist die klarste Linie, um zu verstehen, wie Stablecoins grenzüberschreitende Zahlungen umbauen werden.
Phase null ist das heute genutzte Agenturbank-Modell. Eine Zahlung von Großbritannien nach Brasilien muss eine Kette von Agenturbanken passieren und über SWIFT laufen. Sie funktioniert, ist vollständig compliant – aber sie ist langsam, teuer, und Gebühren sowie Ankunftszeit sind nicht transparent.
Phase eins: An beiden Enden bewegen sich die Banken nicht. Stattdessen wird die dazwischenliegende Agentenschicht durch wenige Institutionen ersetzt, die eine Stablecoin-Settlement-Schicht bereitstellen. Die eigene Währung wird in eine öffentliche Stablecoin getauscht, dann erfolgt die grenzüberschreitende Abwicklung on-chain und anschließend die Rücktauschung in die eigene Währung. Das macht es schneller – nahe an sofortige Gutschrift – und auch etwas günstiger. Aber es ist immer noch abhängig von Intermediären; es braucht weiterhin jemanden in der Mitte für Routing und Scheduling.
Phase zwei: Auch diese Intermediäre werden entfernt. Die Banken nutzen Konten von Liquiditätsanbietern in ihren eigenen Knoten, erledigen den Ein- und Aus- Tausch zwischen eigener Währung und Stablecoins selbst und schließen dann die Abwicklung direkt on-chain zwischen sich ab: vom Zahlenden zum Empfänger, ohne dass jemand dazwischen sitzt. Dieser Schritt ist günstiger, und für Endkunden sind die Kosten außerdem transparenter.
Phase drei ist das Zielbild: Eine Stablecoin-Zahlung bewegt sich direkt zwischen den Custody-Wallets on-chain, ohne dass in der Mitte irgendein Fiat-Umtausch stattfindet. Sofort, und in den vier Phasen ist es der günstigste Weg. Außerdem öffnet es dem Endkunden eine regulative Tür: Sie können tokenisierte Vermögenswerte über genau die Institutionen erreichen, denen sie ohnehin vertrauen.

Wenn du diese Linie verstehst, weißt du auch, was Rayls’ „privat plus öffentlich“-Architektur letztlich löst. Sie bringt drei Werkzeuge zusammen: In der Institutionen-internen Abwicklung werden tokenisierte Einlagen genutzt, zwischen Institutionen innerhalb derselben Rechtsordnung erfolgt die Abwicklung der eigenen Währung über private Stablecoins, und bei grenzüberschreitender Reichweite bis hin zum Kunden kommt eine öffentliche Stablecoin in USD zum Einsatz. Beim Bezahlen tauscht die Institution in ihren eigenen privaten Knoten die tokenisierten Einlagen in der eigenen Währung gegen öffentliche Stablecoins. Die Stablecoins laufen dann über die öffentliche Chain zur Empfänger-Institution; diese tauscht sie anschließend zurück in die lokalen privaten Stablecoins oder tokenisierten Einlagen. Phase zwei und Phase drei sind genau die Laufmuster, für die diese Architektur von Natur aus gemacht ist.
Und es ist nicht nur schnell und günstig. Jede Umwandlung findet an einem klar definierten Grenzpunkt statt; der Devisenaustausch wird an diesem Punkt abgeschlossen. So können Institutionen genau sehen, wo der Wert seine Form gewechselt hat und wo der Wechselkurs angewendet wurde. Diese Transparenz kann das herkömmliche Agenturbank- bzw. Broker-Modell niemals bieten.
Das sind keine bloßen Theoriegedanken. Nach Rayls’ Darstellung ist Enygma, das geheime Abwicklungsgeheimnisse zwischen Instititonen absichert, bereits in Produktion in einem privaten Netzwerk gegangen. Zu den Partnern zählen die Zentralbank von Brasilien und einige große Geschäftsbanken. Zudem unterstützt es eine atomisierte Zug-um-Zug-Abwicklung, also: Geld und Vermögenswerte bewegen sich entweder zusammen oder gar nicht – der endgültige Settlement erfolgt innerhalb eines einzelnen bestätigten Blocks.
Wie das in einem echten Produkt aussieht, zeigt das direkteste Beispiel: XP. XP ist Brasiliens größtes Investment-Platform; das Volumen der Kundenvermögen liegt im Billionen-Bereich an Real (die XP-Zahlen aus dem 1Q26 auf der offiziellen Seite Investor Relations sind R$ 1,529 Billionen). Über die von der digitalen Broker-Tochtergesellschaft Clear ausgegebenen USD-Stablecoin USDXP ist es bereits ein produktionsreifes Angebot, fest in die Clear-Plattform eingebettet – kein Proof-of-Concept. Das bedeutet: Die zuvor beschriebene Prozesskette läuft bereits bei echten Institutionen mit Kunden in der Praxis.
Nebenbei noch ein Hintergrund, damit du nicht denkst, das sei nur die Story irgendeiner Firma. Die gesamte Markgröße von Stablecoins ist bereits auf über 320 Milliarden US-Dollar angewachsen; die von Citi korrigierte Prognose lautet: Bis 2030 im Basisszenario etwa 1,9 Billionen US-Dollar und im optimistischen Szenario rund 4 Billionen US-Dollar. Gleichzeitig bewegt sich die Regulierung in Richtung, die für Emittenten vorteilhaft ist: In den USA hat das GENIUS-Gesetz bereits einen bundesweiten Rahmen für zahlungsbezogene Stablecoins geschaffen und ist in der Umsetzung. In der EU ist MiCA ab Dezember 2024 in Kraft, auch in den VAE und in Singapur laufen entsprechende Rahmenwerke. Die Regeln sind noch nicht endgültig geklärt, aber die Richtung ist klar genug: Wer zuerst Produkte aufbaut, hat die echten Settlement-Volumina schon in der Hand, wenn die Regeln feststehen.
Meine größte Erkenntnis aus dem Lesen ist also: Die Umgestaltung grenzüberschreitender Zahlungen bedeutet nicht „eines Tages geht plötzlich alles komplett on-chain“, sondern dass man diese Intermediäre Schritt für Schritt abträgt. Wir stecken derzeit noch zwischen Phase eins und Phase zwei, aber die Richtung steht fest. Und genau darauf setzt Rayls: auf die benötigte Basisschicht, wenn diese Linie weiter nach hinten läuft.
Referenzquelle: Rayls offizieller Blog (The private-public settlement flow: tokenised deposits and stablecoins on Rayls)
https://www.rayls.com/blog/the-private-public-settlement-flow-tokenised-deposits-and-stablecoins-on-rayls


