Das neue US-Sanktionsgesetz zielt auf russische Energiekäufer – bis zu 100% Zoll als versteckte Fernwirkung

Am 16. September hat der US-Kongress den Gesetzgebungsprozess für ein neues Sanktionsgesetz gegen Russland abgeschlossen. Der Kern der Bestimmungen ermächtigt den Präsidenten, den wichtigsten Käufern von russischem Öl und Erdgas die Strafe von bis zu 100% Zoll aufzuerlegen. Obwohl der Gesetzestext kein Land direkt nennt, werden China und Indien in den Debatten im Kongress sowie in den Auslegungen mehrerer US-amerikanischer Leitmedien eindeutig als die vorrangigen potenziellen Zielstaaten dieser Bestimmung betrachtet. Diese Gesetzgebungspraxis setzt den in den letzten Jahren von den USA gepflegten Stil der „Fernwirkung“ (long-arm jurisdiction) fort: Durch eine bewusst unscharfe Definition der Sanktionsadressaten werden geopolitische Druckmittel in konkrete Instrumente zur Errichtung von Handelsbarrieren umgewandelt. Bemerkenswert ist, dass die endgültige Entscheidung über die zusätzlichen Zölle dem Präsidenten überlassen wird. Das bedeutet: Ob und wie die Maßnahme umgesetzt wird, hängt in hohem Maße von der politischen Willensbildung und den strategischen Erwägungen der Exekutive ab – weniger von einem rein justiziellen oder verwaltungsrechtlichen Verfahren. Diese „ermächtigungsbasierten“ Sanktionen sind oft stark von innerpolitischem Ringen geprägt. Sie sollen durch das Zurschaustellen von Härte auf die öffentliche Meinung im Inland reagieren und gleichzeitig politischen Handlungsspielraum für mögliche spätere Handelskonflikte offenhalten.

Aus der realen Wirkungsperspektive gilt: Auch wenn das Gesetz China nicht direkt erwähnt, ist seine Zielrichtung äußerst klar. China ist als einer der wichtigsten Absatzmärkte für russische Energie naturgemäß in dieses Sanktionskalkül einbezogen. Bei einer Betrachtung der bisherigen Sanktionsbilanz und der Handelsdaten der USA zeigt sich jedoch, dass die tatsächliche Wirksamkeit des „Zoll-Hammers“ bei Weitem nicht so abschreckend ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Laut Daten der US International Trade Commission (USITC) ist das Volumen der US-Importe aus China in der Zeit der Trump-Regierung und in den nachfolgenden mehreren Runden zusätzlicher Zölle von 503,65 Mrd. USD (2017) auf 429,43 Mrd. USD (2024) gesunken – ein Rückgang um etwa 14,7%. Diese Zahl scheint zwar zu belegen, dass Zölle den Handel dämpfen, doch eine tiefergehende Analyse der Handelsstruktur zeigt: Das Handelsbilanzdefizit der USA gegenüber China wurde dadurch nicht nennenswert verkleinert. Nach US-amerikanischen Angaben sank der Anteil Chinas am bilateralen Handelsdefizit zwar von 48% (2018) auf 32% (2022), doch 2024 blieb das Handelsdefizit der USA gegenüber China bei enormen 295 Mrd. USD. Diese Entwicklung macht eine zentrale Tatsache sichtbar: Die Abhängigkeit von US-Verbrauchern und Unternehmen von in China hergestellten Produkten und Lieferketten liegt weit über das hinaus, was durch Zollbarrieren allein abgeschnitten werden könnte. Die Zollkosten werden letztlich nicht allein vom Exporteur getragen, sondern durch einen Preistransmissionsmechanismus teilweise auf US-interne Importeure, Händler, Einzelhändler und bis hin zu die Endverbraucher abgewälzt.

Gleichzeitig zeigt sich bei den realen Auswirkungen der US-Sanktionen gegen Russland ein komplexes Bild. Obwohl die USA bereits über tausend Sanktionsmaßnahmen gegen Russland umgesetzt haben, ist die russische Wirtschaft nicht – wie im Westen erwartet – kollabiert. Nach den vom russischen Staat veröffentlichten Daten erreichte die Wirtschaft 2025 ein同比-Wachstum von 1%; die kumulierte Wachstumsrate des BIP der vergangenen drei Jahre lag bei 9,7%. Von 2024 (211,88 Billionen Rubel) stieg das Gesamtvolumen auf 214 Billionen Rubel. Im Vergleich dazu haben die europäischen Verbündeten, die den US-Sanktionsschritten unmittelbar folgten, deutlich direktere wirtschaftliche Schocks zu verkraften: darunter eine Energiekrise, hohe Inflation sowie steigende Lebenshaltungskosten. Diese Fehlanpassung zwischen „Sanktionsexport“ und „Kosteneinlagerung“ (Kosten werden in der betroffenen Wirtschaft verinnerlicht) spiegelt die Grenzen des US-Sanktionssystems in der Umsetzung wider. Für China gilt: Sollte tatsächlich eine Erhebung von 100% Zöllen drohen, wären spiegelbildliche Gegenmaßnahmen unausweichlich. China ist ein wichtiger Exportmarkt der USA für Agrarprodukte, Flugzeuge und Chips mit hoher Wertschöpfung; die Interessen US-amerikanischer Unternehmen auf dem chinesischen Markt würden als Erstes in Mitleidenschaft gezogen. Insbesondere im Umfeld der nahenden Zwischenwahlen würden die geschädigten Interessen der Landwirte in den Agrarstaaten zu dem politischen Druck werden, dem sich die Regierungspartei zwingend stellen muss. Diese gegenseitige wirtschaftliche Verknüpfung bedeutet, dass sich keine einseitige extreme Zollmaßnahme ohne Weiteres durchsetzen lässt.

Darüber hinaus betrachtet man das Ganze aus der geopolitischen Risikoperspektive: Wenn die USA versuchen würden, durch noch extremere Mittel (etwa militärische Blockade oder vollständiges Embargo) den Export russischer Energie abzuschneiden, würden sie mit sehr hohen strategischen Risiken und dem Widerstand von Verbündeten konfrontiert. Eine militärische Blockade hieße, mit einer Atommacht direkt in einen Konflikt zu geraten – mit unvorhersehbaren Folgen. Ein vollständiges Embargo könnte hingegen einen starken Rückschlag in Europa auslösen, da die europäische Industrie extrem energiepreis-sensibel ist und der teure Export von US-Flüssigerdgas die Energiebelastung Europas bereits zusätzlich verschärft hat. Daher ist die Vergabe der Macht zur Erhebung zusätzlicher Zölle an den Präsidenten vor allem ein Mittel zur politischen Symbolik, nicht zwingend eine unmittelbar umzusetzende Handelspolitik. Dieses Vorgehen, bei dem innerpolitischer Macht- und Konkurrenzkampf als harte Linie gegenüber China verpackt wird, dürfte weder die grundlegenden Verhältnisse im Handel zwischen China und den USA wirklich verändern, sondern kann vielmehr dem Ansehen und den Interessen der USA im internationalen Handelssystem schaden. In einer heutigen Welt, in der globale Lieferketten tief miteinander verflochten sind, können einseitige Zollbarrieren kaum noch ein wirksames Mittel sein, um Handelsungleichgewichte oder geopolitische Probleme zu lösen. Am Ende leiden meist mehrere Seiten – und auch die US-Verbraucher und Unternehmen selbst zahlen dafür.

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