Die Wirtschaft Europas nähert sich einem kritischen Punkt: Eine wieder anziehende Energieinflation, eine Verlangsamung der Produktionstätigkeit und eine begrenzte staatliche Unterstützung erhöhen das Risiko einer technischen Rezession, so die Analysten von BCA Research.

Die Aussichten bleiben ungewiss. Ein Szenario geht von zwei aufeinanderfolgenden Quartalen mit Wirtschaftsabschwung aus, doch mehrere Faktoren der Widerstandsfähigkeit könnten das Wachstum in einem leicht positiven Bereich halten.

Der Euroraum ist in den aktuellen Energieschock in einer schwächeren Position hineingeraten als im Jahr 2022. Die Konsensprognosen hatten bereits vor der erneuten Anspannung um die Straße von Hormus einen Anstieg für 2026 in Höhe von etwa 1,2 % eingepreist, die dann die Preise für Öl und Erdgas nach oben getrieben hat.

Seitdem hat sich die Produktionsaktivität abgeschwächt: Der zusammengesetzte Einkaufsmanagerindex (PMI) weist nun auf einen quartalsweisen Rückgang des BIP hin. Bis Mitte Juni hatten europäische Regierungen weniger als 12 Milliarden € für den Schutz der Haushalte vor steigenden Energiekosten bereitgestellt — deutlich weniger als im Zuge der vorherigen Krise.

Auch die Inflation könnte sich als widerstandsfähiger erweisen als erwartet. Die Preise für Erdgas am Dutch-TTF-Index sind seit Jahresbeginn mehr als doppelt so stark gestiegen, und ein Mangel an Düngemitteln sowie ein starkes El-Niño drohen zusätzlichen Druck auf die Lebensmittelpreise auszuüben.

Verbraucher dürften die Abschwächung der Aktivität kaum kompensieren können. Das reale Lohnwachstum war im ersten Quartal praktisch null und könnte in den negativen Bereich rutschen, sobald die Inflation die Kaufkraft untergräbt. Eine Verschlechterung am Arbeitsmarkt könnte Haushalte zudem veranlassen, ihre Ausgaben zu reduzieren.

Dennoch verfügt Europa über eine Reihe von Schutzmechanismen. Die Bilanzen der Haushalte und Unternehmen sind robuster als noch vor der Weltfinanzkrise — dank geringerer Ausgaben für die Schuldendienstleistungen und eines höheren Niveaus an liquiden Vermögenswerten.

Die derzeitigen Unterbrechungen bei der Energieversorgung sind auch weniger gravierend als der Schock im Jahr 2022. Die europäischen Gaspreise erreichten mit 62 € pro Megawattstunde ihren Höchststand, während sie im August 2022 noch bei 339 € lagen; zudem ist kein akuter Angebotsmangel zu beobachten.

Ein widerstandsfähiger globaler Produktionszyklus und Investitionen im Zusammenhang mit künstlicher Intelligenz unterstützen europäische Hersteller von Investitionsgütern. Eine Verbesserung der Zahlungsbilanzdynamik könnte zudem zusätzliche Finanzierung für die Inlandsnachfrage freisetzen.

Der kurzfristige Impuls an den Aktienmärkten bleibt positiv, doch die mittelfristigen Risiken sprechen eher für die Sektoren Energie, Pharmazeutika und Versorger. Das Paar EUR/USD könnte im Zuge der fortgesetzten Stärkung des US-Dollars aufgrund höherer Wachstumsraten der US-Wirtschaft bis auf 1,10–1,12 fallen.

#GlobalEconomicNews , #EnergyIndependence