Am 14. und 15. Juli trat der Vorsitzende der Federal Reserve, Kevin Warsh, vor den US-Kongress für zwei aufeinanderfolgende Tage. Er sagte vor dem Ausschuss für Finanzdienstleistungen des Repräsentantenhauses und dem Ausschuss für Banken, Wohnungswesen und Urban Affairs des Senats im Hinblick auf den halbjährlichen Bericht der Federal Reserve zur Geldpolitik aus.
Als Warshs erstes Zeugnis vor dem Kongress seit Amtsantritt zogen die Anhörungen erhebliche Aufmerksamkeit auf sich, und zwar von den globalen Finanzmärkten.
Für Anleger boten die Anhörungen mehr als nur eine breite Einschätzung der US-Wirtschaft. Sie boten außerdem eine wichtige Gelegenheit, die künftige Ausrichtung der Geldpolitik zu untersuchen. In den beiden Tagen sprach Warsh über die Inflation, die Zinssätze, die Bilanz der Federal Reserve, die Unabhängigkeit der Zentralbank sowie die wirtschaftlichen Auswirkungen künstlicher Intelligenz und sandte dabei mehrere bemerkenswerte politische Signale.
1. Ein datenabhängiger Ansatz – ohne vorab festgelegtes Commitment zu Zinssenkungen
Die Frage, die die Märkte am meisten interessierte, war ganz einfach: Bereitet sich die Federal Reserve darauf vor, die Zinsen zu senken?
Trotz wiederholter Nachfragen vonseiten der Abgeordneten lehnte Warsh es ab, eine eindeutige Antwort zu geben. Er betonte, dass die Federal Reserve ihre Politik nicht vorab festlegen und den Zeitpunkt ihrer Entscheidungen nicht als Reaktion auf Markterwartungen oder politischen Druck ändern werde.
Künftige Entscheidungen über die Zinshöhe würden seiner Aussage nach von den neuesten Daten zu Inflation, Beschäftigung und Wirtschaft abhängen und vom Offenmarktausschuss des Federal Open Market Committee gemeinsam getroffen werden.
Diese Position legt nahe, dass die Federal Reserve ihren datenabhängigen Ansatz fortsetzen wird, statt im Voraus ein explizites politisches Versprechen abzugeben.
Für die Finanzmärkte bedeutet das: Es bleibt eine erhebliche Unsicherheit rund um das geldpolitische Treffen der Federal Reserve Ende Juli. Obwohl einige jüngste Inflationsdaten eine Verbesserung gezeigt haben, könnte die Zentralbank eine längere Reihe günstiger Werte benötigen, bevor sie mit einem Zyklus von Zinssenkungen beginnt.
2. Die Inflation hat sich beruhigt, doch der Kampf ist noch lange nicht vorbei
Mit Blick auf die Inflationsaussichten räumte Warsh ein, dass sich jüngste Indikatoren – darunter der Verbraucherpreisindex – im Vergleich zu früheren Niveaus verbessert hätten. Er warnte jedoch davor, dass ein oder zwei Monate mit besseren Daten nicht ausreichen würden, um nachzuweisen, dass die Inflation vollständig unter Kontrolle gebracht wurde.
Er betonte, dass die Federal Reserve nicht einfach deshalb „Sieg“ erklären werde, weil es kurzfristige Verbesserungen gebe. Stattdessen würden die politischen Entscheidungsträger darauf achten, ob sich die Inflation nachhaltig in Richtung des 2-Prozent-Ziels der Zentralbank bewegt.
Warsh stellte außerdem fest, dass die US-Wirtschaft weiterhin eine beträchtliche Widerstandsfähigkeit gezeigt habe, gestützt durch relativ stabile Konsumausgaben und Beschäftigungsbedingungen. Diese Widerstandsfähigkeit gibt der Federal Reserve den Spielraum, geduldig zu bleiben und die Politik nicht vorschnell zu ändern.
Seine Aussagen stärkten im Großen und Ganzen den vorsichtigen Kurs der Zentralbank in den vergangenen Jahren: Es könnte vorzuziehen sein, die Zinsen länger auf erhöhtem Niveau zu belassen, statt zu früh zu senken und das Risiko einer erneuten Aufwärtsentwicklung der Inflation einzugehen.
3. Geldpolitik kann nicht allein auf Zinssätze setzen
Im Vergleich zu früheren Leitern der Federal Reserve legte Warsh stärker den Schwerpunkt auf die Bedeutung der Bilanz der Zentralbank.
Er wies darauf hin, dass die Federal Reserve in den vergangenen eineinhalb Jahrzehnten große Bestände an US-Staatsanleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren durch mehrere Runden quantitativer Lockerung aufgebaut habe.
Obwohl diese Maßnahmen in Krisenzeiten eine wichtige Rolle spielten, könnte die Beibehaltung einer ungewöhnlich großen Bilanzsumme über einen langen Zeitraum die Allokation finanzieller Ressourcen verzerren und die Preisfindungsfunktion des Marktes schwächen.
Warsh argumentierte daher, dass die Federal Reserve den Prozess der Normalisierung der Bilanzsumme fortsetzen sollte, der allgemein als quantitative Straffung bezeichnet wird.
Das deutet darauf hin, dass der künftige geldpolitische Rahmen der Federal Reserve stärker auf eine Reduktion der Bilanzsumme (Balance-Sheet Reduction) ausgerichtet sein könnte – neben Anpassungen der Zinssätze.
Einige Marktanalysten sind der Ansicht, dass die Zentralbank im Rahmen dieses Ansatzes zunehmend die quantitative Straffung einsetzen könnte, um die Finanzierungsbedingungen zu beschränken, statt sich in erster Linie auf wiederholte Zinserhöhungen zu stützen.
4. Die Unabhängigkeit der Federal Reserve wurde erneut zum zentralen Thema
Die politische Unabhängigkeit der Federal Reserve war ein weiteres zentrales Thema der Anhörungen.
Insbesondere in der Anhörung im Senat befragten die Gesetzgeber Warsh dazu, ob er mit Präsident Donald Trump über Geldpolitik gesprochen habe und ob das Weiße Haus versucht habe, Einfluss auf die Entscheidungen der Zentralbank zu nehmen.
Warsh legte keine Details zu privaten Gesprächen offen. Stattdessen gab er eine kurze Antwort: „Ich werde meinen Job machen.“
Obwohl die Antwort knapp ausfiel, vermittelte sie eine klare Botschaft. Die Federal Reserve beabsichtigt, ihre gesetzlichen Aufgaben unabhängig wahrzunehmen, und möchte nicht, dass ihre Entscheidungen als Ergebnis politischen Drucks wahrgenommen werden.
Die Unabhängigkeit der Zentralbank wird von internationalen Investoren genau beobachtet, weil die Glaubwürdigkeit und die langfristige Stabilität der Geldpolitik stark davon abhängen, dass die Institution Entscheidungen ohne direkte politische Einflussnahme treffen kann.
5. Künstliche Intelligenz könnte die Wirtschaft verändern
Künstliche Intelligenz war während der Anhörungen ein weiteres wiederkehrendes Thema.
Warsh argumentierte, dass KI gerade dabei sei, die Struktur der US-Wirtschaft neu zu gestalten.
Kurzfristig könnten große Investitionen in Rechenzentren, Halbleiteranlagen, Energieinfrastruktur und damit verbundene Technologien die Nachfrage erhöhen und die Kosten in bestimmten Branchen steigern.
Auf längere Sicht könnte KI jedoch die Arbeitsproduktivität erheblich verbessern, die Effizienz von Unternehmen steigern und die Produktionskosten senken. Sie könnte daher langfristig zu einer disinflationären Kraft werden.
Warsh warnte dennoch, dass es nach wie vor an ausreichenden Belegen fehle, um die langfristigen wirtschaftlichen Auswirkungen von KI mit Präzision zu bewerten. Die Federal Reserve werde die Entwicklungen in dem Sektor weiter beobachten und in ihre umfassendere wirtschaftliche Analyse einbeziehen.
Seine Äußerungen zeigen, dass technologische Veränderungen für den makroökonomischen Rahmen der Zentralbank zunehmend wichtiger werden, statt als eher Randthema behandelt zu werden.
6. Wirtschaftliche Einschätzungen werden umfassender werden
Neben traditionellen Indikatoren wie dem VPI, dem Index der Preise für persönliche Konsumausgaben (Personal Consumption Expenditures Price Index) und Beschäftigungsdaten sagte Warsh, dass die Federal Reserve bei geldpolitischen Entscheidungen eine breitere Palette an Informationen berücksichtigen werde.
Diese Faktoren umfassen:
l Veränderungen am Arbeitsmarkt;
l Trends bei den Unternehmensinvestitionen;
l Liquidität in den Finanzmärkten;
l Veränderungen in der Geldmenge;
l Bedingungen im Anleihemarkt; und
l Produktivitätsgewinne, die mit künstlicher Intelligenz und anderen aufkommenden Technologien verbunden sind.
Das deutet darauf hin, dass künftige Entscheidungen der Geldpolitik möglicherweise weniger stark auf irgendeinen einzelnen Indikator zurückgreifen. Stattdessen dürften die politischen Entscheidungsträger die wirtschaftlichen Bedingungen anhand eines umfassenderen, mehrdimensionalen Rahmens bewerten.
7. Wie haben die Finanzmärkte die Anhörungen interpretiert?
Nach den Anhörungen identifizierten Wall-Street-Analysten im Großen und Ganzen mehrere wichtige Signale in Warshs Aussage.
Zuerst lieferte er keinen klaren Zeitplan für Zinssenkungen und ließ damit erkennen, dass die Geldpolitik in der nahen Zukunft eher vorsichtig bleiben dürfte.
Zweitens legte er stärker als viele seiner Vorgänger den Schwerpunkt auf das Management der Bilanz und deutete damit an, dass die quantitative Straffung eine bedeutendere Rolle im geldpolitischen Instrumentenkasten der Federal Reserve spielen könnte.
Drittens hob er wiederholt die Bedeutung der Unabhängigkeit der Zentralbank hervor und wollte Investoren beruhigen, dass geldpolitische Entscheidungen nicht durch politischen Druck bestimmt würden.
Schließlich schien Warsh bereit zu sein, einen breiteren Analyseansatz zu verfolgen, indem er künstliche Intelligenz, das Wachstum der Produktivität, die Geldmenge und Veränderungen in der Struktur der Finanzmärkte in die langfristigen geldpolitischen Überlegungen der Federal Reserve einbezog.
Insgesamt brachten die Anhörungen keine dramatische neue Ankündigung zur Politik. Sie lieferten jedoch ein klareres Bild von Warshs Führungsstil: vorsichtig, pragmatisch, institutionell unabhängig und mit Fokus auf die langfristige finanzielle Stabilität.
8. Was bedeutet das für die globalen Märkte?
Die Signale aus Warshs Aussage vor dem Kongress könnten wichtige Auswirkungen auf globale Finanzmärkte haben.
Wenn die US-Inflation weiter zurückgeht, könnte die Federal Reserve irgendwann damit beginnen, die Zinsen zu senken. Allerdings dürfte jede Lockerungsphase eher schrittweise ablaufen als über eine schnelle Abfolge großer Zinssenkungen.
Gleichzeitig könnte die fortgesetzte Reduktion der Bilanzsumme die langfristigen US-Zinsen relativ hoch halten. Das hätte Folgen für globale Anleihemärkte, den US-Dollar und internationale Kapitalflüsse.
Für die Aktienmärkte könnten Technologie- und mit künstlicher Intelligenz zusammenhängende Branchen weiterhin von Erwartungen an langfristiges Produktivitätswachstum profitieren.
Gold, Rohstoffe und Vermögenswerte aus Schwellenländern dürften derweil weiterhin empfindlich auf das Tempo der geldpolitischen Änderungen der Federal Reserve sowie auf Bewegungen des Dollar reagieren.
In den kommenden Monaten werden die Inflationsberichte der USA, die Beschäftigungsdaten und die Kommunikation des Offenmarktausschusses (Federal Open Market Committee) zu den wichtigsten Variablen für globale Investoren zählen.
Fazit
Warshs erste Aussage vor dem Kongress als Vorsitzender der Federal Reserve gab den Märkten kein explizites politisches Commitment. Sie lieferte jedoch eine klare Übersicht über seinen Ansatz in der Geldpolitik.
Warsh betonte die Datenabhängigkeit, die Unabhängigkeit der Zentralbank, die langfristige finanzielle Stabilität, das Management der Bilanz und die wachsende wirtschaftliche Bedeutung des technologischen Wandels.
Die Federal Reserve wird daher voraussichtlich eine Politik beibehalten, die durch vorsichtiges Beobachten und flexible Reaktionen gekennzeichnet ist. Die globalen Märkte werden derweil die Aussichten anhand von drei zentralen Themen weiter bewerten: Inflation, Zinssätze und Wirtschaftswachstum.
Für Anleger ist das Verständnis der Signale, die in diesen Anhörungen vermittelt wurden, entscheidend, um die künftige Ausrichtung der Geldpolitik der USA und ihre weiteren Auswirkungen auf die globalen Finanzmärkte zu bewerten.
