Die Fähigkeit, seine Worte zurückzunehmen, ist nicht immer eine Frage von Stärke oder Schwäche des Charakters. Für einen Investor kann das auch eine Frage des Kapitalerhalts sein. Eine Studie, deren Ergebnisse im Journal für Kognitive Forschung: Prinzipien und Implikationen veröffentlicht wurden, zeigt, dass Menschen mit flexiblem Denken viel einfacher falsche Überzeugungen ablegen. Wie kann diese Studie auf den Finanzmärkten nützlich sein?
Was die Studie gezeigt hat
Fachleute von der Julius-Maximilians-Universität Würzburg gaben den Teilnehmern für die Studie 2024 einen Nachrichtentext über ein Pilotprojekt in einem estnischen Techunternehmen. In einer Version war der Inhalt neutral, in der anderen enthielt er Desinformation: angeblich führte der flexible Arbeitszeitplan der Mitarbeiter zu einem Rückgang ihrer Effizienz und finanziellen Verlusten für die Organisation. Später erhielten Teile der Befragten eine korrigierte Mitteilung, in der erklärt wurde, dass die Verluste des Unternehmens nicht mit dem Arbeitsmodus, sondern mit auslaufenden Verträgen zusammenhingen, und das Pilotprojekt insgesamt erfolgreich war.
Die Forscher maßen dann, wie sich die Einstellung der Menschen zu Informationen über flexible Arbeitszeiten vor und nach der Widerlegung verändert. Das Bild war zwiespältig: Einerseits verbesserte die klärende Mitteilung im Durchschnitt die Einstellung zu dem Arbeitsmodus. Dies war der 'Korrektureffekt', so die Wissenschaftler.
Andererseits verschwand der Einfluss von Desinformation aus der ursprünglichen Nachricht nicht vollständig, und bei einigen Teilnehmern des Experiments blieb der sogenannte 'Fortbestehende Einfluss-Effekt' (continued influence effect) bestehen. Das bedeutet, dass die ursprünglichen Informationen weiterhin die Urteile und Entscheidungen beeinflussen, selbst nachdem festgestellt wurde, dass sie falsch waren.
Es stellte sich heraus, dass Personen mit höherer Fähigkeit zum logischen Denken ihre Meinung nach Widerlegungen deutlich stärker überdachten als Teilnehmer mit niedrigeren kognitiven Fähigkeiten.
Die Autoren schlossen daraus, dass beweglicher Intellekt (fluid intelligence) dabei hilft, neue Informationen besser in bestehende kognitive Schemata zu integrieren. Eine Person lernt nicht nur einen neuen Fakt, sondern sie baut die logische Verknüpfung auf: 'Wenn das falsch war, dann erfordert wahrscheinlich meine gesamte vorherige Vorstellung eine Überprüfung.'
Deutsche Wissenschaftler verbanden diese Ergebnisse mit einer früheren Studie über das ‚Bedürfnis zu denken‘ (need for cognition). Das bezieht sich auf die Gewohnheit, viel zu reflektieren, während beweglicher Intellekt und die Bereitschaft, die Meinung zu ändern, die Qualität und Flexibilität dieser Denkoperationen betreffen. Das heißt, eine Person kann es lieben, zu denken, aber hartnäckig an ihren Überzeugungen festhalten. Ein flexiblerer Geist aktualisiert hingegen kognitive Schemata leichter mit neuen Daten. Genau das zeigte auch die deutsche Studie.
Grüße von Warren Buffett
Ein Investor ähnelt in gewisser Weise den Teilnehmern der deutschen Studie: Er kann sehen, dass seine ursprünglichen Vorstellungen und Prognosen über das Asset nicht aufgegangen sind, und dann relativ schnell sein Modell aktualisieren — das Gewicht dieses Assets im Portfolio überdenken oder vollständig aussteigen.
Im Gegensatz dazu ist ein Investor mit einem weniger flexiblen kognitiven System dem Fortbestehenden Einfluss-Effekt ausgesetzt: In seinem Kopf bleibt die ursprüngliche Version der Ereignisse erhalten, auf deren Grundlage er Entscheidungen trifft. Neue Fakten werden dabei eher als 'Lärm' oder temporäre Anomalie interpretiert.
Folgt man der Logik der Studie der deutschen Psychologen, dann ist der Schlüsselvorteil eines Investors nicht die Fähigkeit, den Markt oder den Preis eines Assets vorherzusagen, sondern die Fähigkeit, so schnell wie möglich 'umzuschwenken', wenn Bewertungen und Vorstellungen mit neuen Daten auseinanderfallen. Das ist letztlich das, was Warren Buffett immer wieder betont hat: Wenn sich fundamentale Faktoren ändern, muss ein Investor bereit sein, seine Meinung zu ändern.
Wie ein Investor neue kognitive Schemata aufbauen kann
Der erste Schritt ist die Formalisierung. Für jede Investmentidee sollte man die Ausgangsannahmen und Prognosen festhalten: die Umsatzdynamik des Unternehmens und die Margen, das regulatorische Umfeld, die Kapitalkosten und das Verhalten der Wettbewerber. Ein solches 'Profil der Investmentidee' macht das Bild klarer, sodass man schneller erkennt, welches Element kaputt gegangen ist, wenn sich etwas ändert.
Das klingt in vielerlei Hinsicht den Worten von Warren Buffett ähnlich, der sagte, dass 'man Unternehmen kaufen sollte, nicht Aktien'. In seinen Briefen an die Aktionäre beschreibt er systematisch die Kriterien für den Kauf eines Unternehmens: die Qualität des Managements, die Verständlichkeit des Modells, den inneren Wert, den fairen Preis, also arbeitet er faktisch mit einer Reihe von Annahmen, bei deren Verletzung das Unternehmen für ihn nicht mehr akzeptabel ist.
Der zweite Schritt besteht darin, Kriterien für die Überprüfung der Investmentidee oder -prinzipien festzulegen. Diese sollten in Zahlen ausgedrückt werden. Das kann zum Beispiel eine bestimmte Grenze der Schuldenlast, drei aufeinanderfolgende schwache Finanzberichte des Unternehmens und anderes sein. Auf der Ebene der kognitiven Prozesse reduziert dies den Einfluss von Emotionen und den dadurch verursachten Widerstand gegen Veränderungen: Entscheidungen werden sozusagen nach Regeln aktiviert und nicht im inneren 'psychologischen Gericht' gefällt.
Schließlich könnte es im Licht der Erkenntnisse aus der deutschen Studie hilfreich sein, gezielt das 'Suchen nach Widerlegungen' zu trainieren. Menschen, die aktiv in die Überprüfung von Quellen und die Suche nach alternativen Daten eingebunden sind, sind besser vor den Auswirkungen des Fortbestehenden Einfluss-Effekts geschützt. Das bedeutet regelmäßiges Lesen nicht nur optimistischer Analysen, Artikel und Berichte, die über das Wachstum des Assets oder des Marktes sprechen, sondern auch das Studium alternativer und sogar gegenteiliger Daten.
Es ist auch hilfreich, sich regelmäßig die Frage zu stellen: 'Was müsste passieren, damit ich anerkenne, dass ich mich geirrt habe?' Die Antwort kann sowohl Marktveränderungen als auch spezifische Ereignisse betreffen, die mit dem Unternehmen, in das du investiert hast, verbunden sind.